Right On

Lottergirls

Eine Mixtur ganz nach dem Geschmack von Fetisch: Auf dem Cover blickt verträumt ein Porzellanpüppchen ins Leere. Auf dem Album scheppern dreckig die Beats. Mal hält der Drummer von Iggy Pop dagegen, mal lässt Amanda Lear das Glamour-Absurdistan der Siebziger aufblitzen. Ein Bläsersatz zum Einstieg führt in eine pumpende Disco, wo allerlei schräge Vögel am Tresen stehen. Rocker, Biker, Funketeers. Gesunde Härte trifft auf dekadente Eleganz. Und über all dem thront Princess Superstar. Sie singt, faucht und rappt. Kurzum: Eine perfekte Frontfrau für die Lottergirls. Ein Word-und-Sound-Projekt, in dem zwei, drei Jahrzehnte Pop-Underground auf die Jetztzeit treffen. Eine Stilübung, die kaum jemand so perfekt- unperfekt hinlegt wie Fetisch.

Doch der Reihe nach. Seit den späten Achtzigern dabei, stand der Berliner DJ Fetisch als junger Spund in New York an den Plattendecks, als die New School des HipHop sich gerade formierte. In seiner anderen Wahlheimat London spielte er als Resident in Clubs wie Wag, Brain oder Turnmills. Schon damals sorgte er für einen breiten musikalischen Horizont. Penibler Purismus war seine Sache nicht. Ein Sound-Punk, der die Verhältnisse zum Tanzen brachte.

Zurück in Berlin rief er ab Mitte der Neunziger das Kollektiv Terranova ins Leben. Tiefer gelegte Downbeats und trippige Grooves bedeuteten wiederum einen neuerlichen Aufbruch ins Ungewisse. Über die „DJ Kicks“- Reihe arbeitete Fetisch mit Cath Coffrey von den Stereo MCs oder Ari Up von den Slits zusammen. Fetisch als Integrationsfigur mit einem Blick für außergewöhnliche Kombinationen. Kein Wunder, dass er sich für Bowies Ziggy Stardust genauso begeistern kann wie für den Volumen-Rapper Notorious B.I.G.

Auf seinem eigenen Label TNT verwirklichte er diesen Clash erstmals mit den Lotterboys, wo Paris The Black Fu von den Detroit Grand Pubahs sein Unwesen trieb. Nun endlich wird das zweite Kapitel veröffentlicht: Die Lottergirls. Und damit kommt die New Yorkerin Concetta Kirschner alias Princess Superstar ins Spiel.

In den USA tritt sie als weiße Rap-Ikone das Erbe der Beastie Boys an. Ihr 2000er Überhit „Bad Babysitter“ klingt bis heute nach. In Europa zog sie als Techno-DJ mit großem Mundwerk immer weitere Kreise. „Perfect Exceeder“ aus den britischen Charts ist nur ein weiteres Beispiel ihres rasanten Outputs. Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis Fetisch - als erklärter Fan seit Anfangstagen - Princess Superstar für eine Kooperation gewinnen kann. Erste Ideen werden ausprobiert und wieder verworfen. Princess Superstar singt mit Paris The Black Fu das alte Duett „Summer Loving“ von John Travolta und Olivia Newton John. Ein Song, der leider nicht über das Demo-Stadium hinaus gekommen ist. Aber immerhin. Die Marschrichtung war definiert. Die raue Power schwebte über dem Projekt und die Lottergirls waren nicht mehr aufzuhalten.

Die Arbeitsteilung liegt auf der Hand. Fetisch definiert die Sounds, Princess Superstar sorgt für Texte, Melodien und Aktion. Dazu schaute ein kleines Allstar-Ensemble im Studio vorbei, in dem neben Amanda Lear und dem leibhaften Iggy-Pop-Drummer auch Rudi Moser von den Einstürzenden Neubauten und der bewährte Fetisch-Spannmann Paris The Black Fu ihre Rollen übernehmen. All das sorgt über 11 Tracks hinweg für Druck und Bewegung. „The Day The World turned DayGlo“ ist purer Punkfunk mit pumpenden Basslinien und Princess Superstar gibt die rabiate Sirene. „Stayout“ mit seinem zuckigen Stakkato schlägt die Brücke zu Alan Vegas Electro-Rocker der Frühachtziger. Die tönernen Klöppeleien von „I hear music“ drehen Synthie-Pop durch die Mühle. Knallige Vielfalt regiert.

Die Lottergirls gehen im internationalen Soundclash zwischen LCD Soundsystem, Soulwax oder Ed Bangers Franzosen-Rocker den entscheidenden Schritt weiter. Live, direkt und ungehobelt machen sie dekadente Rockmusik für schwitzige Clubbühnen und kaputte Discobeats für endlose Nächte. Ein Schlag in die Fresse der Langeweile.

Online Release Date: 16.11.2007
sz ]

  Wertung: 

Tracklist

Right On
1. Never say Never
2. The Day the World turned Dayglo
3. Stayout
4. Love is Dope
5. Renegade
6. In every Dreamhome a Heartache
7. I can hear Music
8. Nine Inch (&me)
9. Bonfini (Shameboy)
10. Comatozed (Terranova vs. Shameboy)
11. Can’t go for Love (Terranova)
13. exclusive mixes:
14. Dayglo (Jam’s Original Eurojam)
15. Dayglo (Baxter Arbeitsaufnahme)
16. Nine Inch (Andreas Baader Dub)
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